Pushpak Ramayana Buch 5Zurück WeiterNews

Canto 1 - Hanumans Sprung

So beschloß Ravanas Feind, die Gefangene in ihrem Versteck durch die luftigen Pfade hoch droben aufzuspüren, welche von den himmlischen Sängern besucht werden. Mit gespannten Nerven und feurigen Augen, wie der starke Gatte vieler Kühe, stand er vorbereitet in williger Macht für die mutige Aufgabe, die seine Seele beschlossen hatte. Der Vanar schritt wie ein Löwe über diamanten funkelndes Gras. Vom Donner seines Schrittes aufgestört flohen die Tiere zu ihren schattigen Schlupfwinkeln. Er zerschmetterte große Bäume oder wirbelte sie beiseite, so daß alle Vögel sich vor ihm fürchteten. Um ihn wuchsen liebliche Lilien in blaß rosa, rot, weiß und blau, und die Farben verschiedenster Metalle liehen ein Licht wie von unterschiedlichen Ornamenten. Gandharvas, die nach Belieben ihre Gestalt ändern konnten, und Yakshas streiften über den lieblichen Berg. Zahllose Schlangengötter waren dort zu sehen, wo Gras und Blumen frisch und grün waren, gerade wie eine glänzende Schlange sich ihre Zeit im Ozean vertreibt. So wanderte der Vanar entzückt zur luftigen Höhe. Dort blieb er auf dem blumigen Rasen stehen und widmete seine Gelübde den Heiligen und Göttern. Er bat Swayambhu (Brahma), die Sonne und den schnellen Wind um Hilfe, und auch Indra, den Herrscher der Himmel, sein schweres Unterfangen zu segnen. Dann sprach der Prinz vom Bergesrücken herab noch einmal zu den Vanars: "So schnell wie ein Pfeil von Ramas Bogen werde ich zu Ravanas Stadt gehen. Wenn sie dort nicht ist, werde ich die Dame im Himmel suchen. Und wenn ich sie im Himmel nicht finden kann, bringe ich den gebundenen Giganten hierher."

Er verstummte und sprang mit gesammelten Kräften von der Bergeshöhe, während von seinen gewaltigen Gliedern zermalmte und entwurzelte Felsen ihm nachfolgten. Der Schatten seiner riesigen Gestalt breitete sich auf dem Ozean aus, und er flog wie ein Schiff im Sturm davon, wenn die starke Brise die Segel erfüllt. Während der Vanar seinen Kurs beibehielt, schwoll und wütete das Meer unter ihm. Da streuten die Götter und der ganze himmlische Zug Blumen hinab in einem sanften Regen. Die glücklichen Gandharvas erhoben ihre Stimmen, und die Heiligen im Himmel priesen den Vanar. Gerne wollte das Meer seinen Beistand geben und dem edlen Sohn des Raghu ein Freund sein. Um das Wohl von Rama eifrig bedacht, sprach der Ozean zum Berg Mainaka: "Oh starker Mainaka, der himmlische Beschluß aus alten Tagen hat dich dazu ausgesucht, ein Riegel für die Asuras zu sein und die Rebellen in der tiefsten Tiefe zu bewahren. Du bewachst jene, die der Himmel verfluchte, damit sie nicht aus ihrem Gefängnis ausbrechen, und stehst am Höllentor als ihr begrenzender Wächter. Dir ist die Kraft gegeben, dich auszubreiten oder aus deinem wäßrigen Bett zu springen. Nun, Bester der edlen Berge, erhebe dich und tue, wie ich dir rate. Gerade eben fliegt der mächtige Hanuman, der Beste der Vanars, zum Wohle Ramas über deinen versunkenen Rücken und unternimmt eine wunderbare Tat. Erhebe dein Haupt, damit er auf dir stehen bleiben und sich auf seinem ermüdenden Weg ausruhen mag."

Er lauschte, und wie die Sonne hinter den Wolken hervorbricht, erhob der Berg sich schnell aus der feuchten Weite und wölbte sich mit Pflanzen und Bäumen gekrönt über der schäumenden See. Da stand er mit seinem stolzen Gipfel hochaufgerichtet und strahlte so hell wie hundert Sonnen. Sein Rücken und die Klippen aus poliertem Gold spiegelten sich in den ihn umspülenden Fluten. Der Vanar dachte, dies sei ein feindliches Hindernis, welches sich ihm in den Weg stellte, und, so schnell wie eine windgepeitschte Wolke, stürzte er den glitzernden Berg auf seinem Flug. Vom fallenden Berg erklang eine warnende Stimme und ein freudiger Schrei. Erneut erhob er sich hoch in die Luft, um dem fliegenden Vanar zu begegnen, und stand in menschlicher Gestalt auf seinem höchsten Punkt, als er zum Vanar sprach: "Du Bester der Vanars aus edler Linie, eine mächtige Aufgabe, oh Prinz, liegt vor dir. Ich bitte dich, laß dich für eine Weile hier nieder und ruhe dich auf der luftigen Höhe aus. Es war ein Prinz vom Stamme der Raghus, welcher der See ihre Herrlichkeit gab (Sagar = Ozean/ Meer). Für diese Schuld zeigt sie nun dem Boten von Rama hohe Ehre. Sie bat mich, mein verborgenes Haupt aus dem nassen Bett zu erheben und dich Vanar Prinzen zu umwerben, für einen Moment auf meinem funkelnden Rücken auszuruhen, die müden Glieder zu erfrischen und die Früchte meines Berges zu essen, denn sie sind süß. Auch ich, mein Prinz, kenne dich wohl. Die drei Welten erzählen von deinen berühmten Tugenden und niemand, so denke ich, kann es mit dir aufnehmen, der so ungestüm durch den Himmel springt. Die Weisen zeigen jedem Gast Respekt und Ehre, selbst wenn er niedrig und gemein sein mag. Wie könnte ich da dich vernachlässigen? Wie den großen, mir so nahen Gast kränken? Sohn des Windes, es liegt an dir, die Macht mit ihm zu teilen, der die Lüfte erschüttert. Und, da er seine Kinder liebt, ehre ich ihn, wenn ich dich ehre.

Einst, als Krita(1) noch jung war, da flogen die kleinen Hügel und Berge, wohin es ihnen beliebte(2). Sie wurden von Flügeln getragen, die schneller waren als die vom gefiederten König (Garuda). Doch große Angst befiel die Götter und Heiligen, denn sie fürchteten um ihren Fall. So zerriß Indra in seinem Zorn ihre Schwingen mit Blitzen, die er nach ihnen sandte. Als er in seiner unbarmherzigen Rage seinen blitzenden Strahl auf mich schleuderte, beschloß der Wind in seiner großen Seele, mich zu retten und tauchte mich unter die Wellen des Meeres. Durch die Gunst des Gottes behielt ich meine geschätzten Flügel unversehrt. Und für seine Tat der Freundlichkeit ehre ich dich, seinen edlen Sohn. Oh komm, erleichtere deine ermüdeten Glieder und empfange die angemessene Ehre von mir."

"Ich kann nicht ausruhen!", rief der Vanar, "Ich kann nicht anhalten oder mich abwenden. Doch ich bin's zufrieden, du Edelster der Berge, und wie die Aufgabe akzeptiere ich deinen Willen." Während er so sprach, berührte er leicht mit seiner großen Hand den Rücken des Berges und sprang dann hinauf zu den Himmelshöhen in die Bereiche von grenzenlosem Blau, sich seiner Macht erfreuend, und folgte den Wegen seines Vaters.

Die Götter, Heiligen und himmlischen Barden betrachteten seinen Flug, den niemand erreichen konnte, und wandten sich an die sonnenhelle Mutter der Nagas(3): "Sieh, Hanuman wird mit wagemutigem Sprung die mächtige Tiefe überqueren. Er ist ein Vanar Prinz, der Samen des Windgottes. Komm, Surasa, hindere seinen Kurs. Hülle deine Gestalt in eine schreckliche Rakshasa Form, so groß wie ein Berg. Laß deine roten Augen im Zorn erglühen und deinen Körper so groß wie der Himmel anwachsen. Trotze dem Prinzen mit fürchterlichen Zähnen, damit wir seine Macht und Kraft versuchen mögen. Er wird deinem Griff mit List entgehen oder, von dir besiegt, deine Macht eingestehen." Von ihren wohlwollenden Ehrungen befriedet, folgte die gottgleiche Dame ihren Worten. In eine Gestalt des Terrors gehüllt entsprang sie der Mitte des Ozeans, und mit schrecklicher Stimme, die alle Wesen entsetzte, sprach sie zum Vanar: "Komm, Prinz der Vanars, du bist durch Himmelsbeschluß dazu verurteilt, heute meine Nahrung zu sein. Diesen Wunsch gewährte mir vor langer Zeit Brahmas Gunst." Sie verstummte, und Hanuman erwiderte unbeeindruckt von Gestalt und Drohung: "Der mutige Rama wohnte mit seiner Maithili Gemahlin in den Schatten des Dandaka Waldes. Von dort stahl Ravana, der König der Giganten, Sita, die Freude von Ramas Seele. Zu ihr gehe ich als williger Bote auf Ramas hohen Befehl hin. Du solltest niemals jemanden hindern, der sich für Dasarathas Sohn abmüht. Erst will ich die gefangene Sita sehen und ihn, der mich aussendet und auf mich wartet. Dann komme ich zu dir und füge mich deinem Willen. Das verspreche ich bei meiner Wahrhaftigkeit."

"Nein, hoffe nicht, solcherart dein Leben zu retten. Dies war nicht die Gabe, die mir Brahma gewährte. Tritt erst in meinen Mund ein, dann magst du auf deiner Reise weitereilen." So war ihre Antwort. "Dann dehne deine Kiefer, dehne sie weit auseinander!" rief der zornig entflammte Vanar Prinz. Und als sich die Rakshasa ihm näherte, wuchs seine Gestalt dreißig Meilen in die Höhe. Doch schnell war zwischen ihren drohenden Kiefern eine Kluft von sechzig Meilen zu sehen. Da legte er auf einhundertfünfzig Meilen zu, doch immer noch dehnte sie ihren Mund weiter nach Belieben. Doch da schrumpfte der Vanar durch seine Macht viel kleiner zusammen als ein Daumen groß ist. Er sprang hinein, drehte sich um, und in einem Satz durch die Öffnung wieder heraus. Dann verweilte er eine Weile in der Luft und sprach mit einem Lächeln zu ihr: "Oh Kind des Daksha, lebe nun wohl. Denn ich durchquerte deinen Mund. Du bekamst die Gabe von Brahmas Wohlwollen. Ich gehe und nehme die Spur der Maithili Dame auf." Da kehrte die Dame zu ihrer vorherigen Gestalt zurück und sprach zum Vanar Herrn: "Vorwärts, widme dich deiner Aufgabe! Und mögen Erfolg und Freude deinen Weg begleiten. Geh, und bring die gerettete Dame im Triumph zu ihrem Herrn und König zurück."

Die zuschauenden Heere von Geistern lobten den Wagemut des Vanars, während er weiter und so schnell wie der königliche Garuda selbst die weiten Felder des Äthers durcheilte und die Regionen von Wolken und Regen, welche das Gandharva Gefolge liebt und wo inmitten der hin- und herfliegenden Vögel Indras glorreicher Bogen strahlt. Wie eine Armee von wandernden Sternen blitzte der himmlische Wagen des hohen Gottes in der Ferne.

Die schreckliche Sinhika (Mutter des Rahu), die sich an Bösem erfreute und ihre Gestalt nach ihrem Willen ändern konnte, entdeckte ihn auf seinem luftigen Weg und beschloß, daß der Vanar ihre Beute sein solle. "Endlich soll heute mein Hunger gestillt werden!" rief die Dämonin und fing entzückt über den erfreulichen Gedanken seinen vorübereilenden Schatten ein. Der Vanar fühlte die Macht, die ihn festhielt, als sie seinen Schatten ergriff, wie ein großes Schiff, welches vergebens gegen den Wind ankämpft. Er ließ seine Augen nach unten und oben schweifen und durchsuchte Meer und Firmament. Da erhob sich aus der salzigen Tiefe die gräßliche Gestalt des Monsters. Und Hanuman rief: "Sugrivas Geschichte ist wirklich wahr. Das ist der schrecklich anzuschauende Dämon, von dem der Vanar Monarch erzählt hat, und dessen Griff einen vorübereilenden Schatten festhalten kann." Dann, wie eine Wolke in der Regenzeit anwächst, schwoll und vergrößerte sich sein Körper und dehnte sich aus. Sie öffnete ihre Kiefer so weit wie der Raum zwischen Himmel und Hölle mit einem Schrei und griff ihre geliebte Beute an mit donnerndem Gebrüll, um ihn zu ergreifen und zu töten. Der Vanar zog gedankenschnell seinen geborgten Rumpf mit Gliedern und Brust wieder zusammen, stand mit einem schnellen Sprung in ihrem weit geöffneten Mund und verbarg sich wie der Mond, wenn Rahu (die Sonnen- oder Mondfinsternis) den Orbit in seinen gierigen Rachen zieht. In diese weite Höhle eingepfercht zerriß und zerstörte er den Körper der Dämonin von innen. Dann, von dem zerfleischten Leichnam wieder befreit, kam er hervor so schnell wie der Gedanke. So tötete er mit seiner Geschicklichkeit die Dämonin und nahm wieder seine gewünschte Gestalt an.

Die Geister sahen die Dämonin sterben und lobten den Vanar im Himmel: "Wohl hast du gekämpft im wunderbaren Kampf und scheutest nicht die furchtbare Macht der Riesin. Nun auf und weiter! Führe deine untadelige Aufgabe aus, und sei in jedem deiner Wünsche erfolgreich. Jene können nicht fehlen, in denen sich solch Heldenmut, Gewahrsam und Geschick vereinen wie in dir." Zufrieden mit dem Lob, wie sie es sangen, sprang er weiter durch die luftigen Bereiche. Nun war die schwere Plage beinah beendet und der ferne Strand schon fast gewonnen. Am Ufer vor ihm erschien ein sich wiegender Wald in langer, dunkler Linie. Die schöne Insel, hell und grün, mit Blumen und Bäumen, war deutlich zu sehen. Jeder plätschernde Bach ergoß eine ehrwürdige Welle in seinen Herrn, den Ozean. Er landete auf Lambas Gipfel, den rotgetönte Metallstreifen einfärbten, und schaute auf Lankas strahlende Stadt, die auf dem Berg wie eine Krone erglänzte.



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(1) das erste der vier Weltzeitalter, auch das goldene oder Sataya genannt
(2) parvata heißt sowohl Berg als auch Wolke in den Veden
(3) Die Kinder der Surasa sind tausende, vielköpfige und mächtige Schlangen, die den Himmel durcheilen.