Pushpak Ramayana Buch 3Zurück WeiterNews

Canto 17 - Shurpanakha

Nachdem Bad und Gebet beendet waren, wandte er sich vom grasigen Ufer ab und suchte mit Bruder und Gemahlin sein schönes Heim unter Zweigen auf. Mit Sita und Lakshmana an seiner Seite eilte der Held zur Hütte und zog sich in den Laubenschatten zurück, nachdem die Morgenriten vorüber waren. Dort saß der königliche Rama entspannt mit Sita nahe bei ihm, und über seinem Haupt spreizte sich ein Baldachin aus grünen Zweigen. Er strahlte wie der Herr der Nacht an Chitras Seite (einer der Lieblingssterne des Mondes), seinem lieben Entzücken. Mit Lakshmana saß er da, und sie erzählten sich süße Geschichten aus alter Zeit.

Während er die Stunden angenehm verbrachte, und sein Herz den Geschichten zugewandt war, kam plötzlich eine Dämonin durch den Wald gewandert. Die schreckliche Shurpanakha war es, die einst von der Mutter des zehnköpfigen Tyrannen Ravana geboren ward. Sie erblickte Rama mit seiner edlen Miene und so strahlend wie die Götter im Himmel. Von seinen Augenbrauen sprang ein Glanz, seine vollen Augen glichen Lotusblättern, er hatte lange Arme und die Gangart eines Elefanten und sein Haar war in dichten Einsiedlerlocken gewunden. Seine jugendliche Energie und die edle Gestalt zeigten in herrlichen Zeichen den König an. Wie ein heller Lotus von glänzender Hautfarbe und mit Kandarpas (Liebesgott) Anmut versehen, erschien er wie Indra selbst. Und Shurpanakha verliebte sich in den Jüngling, als sie ihn anstarrte. Sie selbst hatte verbitterte Augen und ein widerliches Gesicht; doch sie liebte seinen lieblichen Blick und die Anmut seiner Stirn. Sie war von unförmiger Gestalt; er von stattlicher Figur mit wohlgestalteten Gliedern. Ihre matten Locken hingen unordentlich herum; sein strahlendes Haar fügte sich an seine hohe Stirn. Ihre furchtbare Stimme verbreitete Furcht; seine sanften Töne waren süß anzuhören. Ihre grausige Gestalt war mit dem Alter ganz vertrocknet; er war strahlend in seinem jugendlichen Stolz. Ihre falschen Lippen hielten es mit Unrecht; in seinen Worten zeigte sich starke Tugend. Sie hatte ein grausames, mit Sünde beflecktes Herz; seines lebte in der Pflicht und war rein. Sie war ein scheußlicher Unhold und zum Hassen; er fesselte jeden Blick. In ihrem Busen erwachte rasende Leidenschaft, und sie sprach zum Sohn des Raghu:

"Mit verfilztem Haar über deinen Augenbrauen, mit Bogen und Pfeil und dieser deiner Gemahlin - wie kann es sein, daß du im Einsiedlergewand die von Dämonen bewohnte Wildnis aufgesucht hast? Was machst du hier? Erkläre den Grund: Warum bist du gekommen und was willst du erreichen?" Als Shurpanakha ihn so befragte, da erzählte ihr Rama, der Schrecken der Feinde, alles mit furchtloser Offenheit: "Einst regierte König Dasaratha tapfer und mutig wie die himmlischen Götter. Ich bin sein ältester Sohn und Thronerbe, und Rama ist der Name, den ich trage. Dieser Bruder, Lakshmana, der Jüngere, schwor mir treue Liebe. Die dem Ruhme liebe Prinzessin hier ist meine Gemahlin Sita, die Videha Dame. Meines Vaters Befehl gehorsam und durch die Königin, meine Mutter, gedrängt, suchte ich diesen Wald als Zuflucht auf, um das Gesetz zu bewahren und mir Verdienst zu gewinnen. Doch sprich, denn ich will nun deinen Namen, deine Familie und deinen Herrn erfahren. Ich denke, deine Art ist die der Giganten, die nach ihrem Willen Gestalt und Erscheinung verändern können. Sprich ehrlich und sage mir den Grund, der dich in dieses Wäldchen bat."

So sprach Rama und die Dämonin hörte. Von Leidenschaft getrieben antwortete sie: "Ja, ich bin ein Gigant und kann je nach Laune jegliche Gestalt annehmen. Mein Name ist Shurpanakha. Hier wandere ich und wo ich bin, verbreite ich wilden Schrecken. König Ravana ist mein Bruder: Seine Berühmtheit hat dir vielleicht seinen gefürchteten Namen bereits gelehrt. Dann gibt es noch den starken, in den Ketten von endlosem Schlaf gebundenen, tief schlummernden Kumbhakarna und Vibhashan mit dem pflichtgetreuem Geist, welcher der Gigantenart ganz unähnlich ist. Dann Dushan und Khara, tapfer und stark, deren Ruhm von jeder Zunge erzählt wird. Ihre Macht wird durch die meine bei weitem übertroffen. Doch wenn ich, oh Bester der Männer, meine zärtlichen Augen auf deine Gestalt richte, dann sehe ich in dir meine erwählte Liebe und meinen Herrn. Ich bin mit wunderbarer Macht ausgestattet: Ich kann fliegen, wohin mich meine Laune führt. Verlaß die arme, mißgebildete Sita und empfange mich als deine würdigere Braut. Schau auf meine Schönheit und zieh dir eine Gemahlin vor, die besser zu dir paßt als sie. Ich werde diese ungestalte Frau hier auffressen, und auch dein Bruder soll ihr Schicksal teilen. Aber komm, oh Geliebter, du sollst mit mir durch alle unsere Heimatwälder streifen. Du sollst mit mir die verschiedenen Haine aufsuchen und jeden Berg beschauen." Als sie solcherart sprach, da funkelten die starren Augen des Monsters vor lauter Leidenschaft. Und er, in der Kunst der Sprache geübt, antwortete ihr gewandt.


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