Pushpak Ramayana Buch 2Zurück WeiterNews

Canto 63 - Der Sohn des Einsiedlers

Doch bald erwachte der König mit nagenden Schmerzen aus seinem unruhigen Schlaf. Sein gepeinigtes Herz ward erneut von angstvollen Sorgen heimgesucht, die nichts als qualvoll waren. Das beklagenswerte Schicksal von Rama und Lakshmana erdrückte den guten und großen Dasaratha mit niederschmetternder Wucht, wie Indra, als die Macht des Dämonen den Sonnengott bestürmte und sein Glanz ermattete. Bevor die sechste, lange Nacht vorüber war, seit Rama in den Wald geschickt worden war, da dachte der König um Mitternacht schmerzlich an das alte Vergehen, das seine Hand begangen hatte. Zu Kausalya, die immer noch um Rama weinte und seufzte, sprach er: "Wenn du wachst, dann bitte, schenke meinen Worten deine Aufmerksamkeit. Welchem Verhalten die Menschen auch immer folgen, ob es gute oder böse Taten sind, sei sicher, liebe Königin, sie erhalten den Lohn für ihre tugendhaften oder gemeinen Handlungen. Ein achtloses Kind nennen wir den Mann, dessen schwaches Urteil nicht um das Gewicht dessen weiß, was seine Hände wirken, oder um seine Unbesorgtheit, seine Fehler oder seinen Verdienst. Mancher vernichtet den Mango Garten(1), und bittet darum, daß die ausschweifenden Palasas(2) wachsen. Sich nach den Früchten sehnend schaut er auf ihre Blüten und muß doch trauern, wenn diese Frucht die Bäume krümmt. Durch meine Hand abgeschnitten, fielen die früchtetragenden Bäume, doch die Palasas habe ich gut gewässert. Meine Hoffnung hat dieses närrische Herz getäuscht, und ich weine um meinen verbannten Sohn.

Kausalya, in jugendlichem Alter beging ich einst mit dem Bogen in der Hand ein Verbrechen. Ich war stolz auf meine Fähigkeiten und meinen berühmten Namen. Ich war ein Bogenprinz, der nach Geräuschen schoß. Die Tat, die meine Hand geistlos beging, hat nun dieses Elend auf meine Seele gebracht, wie Kinder den tödlichen Becher ergreifen und blindlings Gift trinken. Wie der unvernünftige Mann sich am ausufernden Palasa Baum erfreuen möge, habe ich unachtsam die Frucht geerntet, die auf die Freude folgt, auf ein bloßes Geräusch hin zu schießen. Als regierender Prinz teilte ich den Thron. Du warst eine mir damals unbekannte Maid. Die zeitige Regenzeit begann gerade und stärkte der Leidenschaft kostbare Flamme. Die Sonne hatte zuvor die Erde getrocknet, die unter den Sommertagen glühte, und war nun zum düsteren Land geflohen, wo die Geister der Toten hausen (im Süden ist das Reich Yama's). Die glühende Hitze war vorüber, und dunkle Wolken vermehrten sich mit jeder Stunde, so daß Frösche, Hirsche und Pfauen den Regenströmen entgegenjubelten. Mit ihren weiten Schwingen schwer vom Regen hatten die frischgebadeten Vögel kaum die Kraft, die Äste der Bäume zu erreichen, deren hohe Wipfel in der Brise schwankten. Der unentwegt fallende Regen, hing wie ein Schild über jedem Hügel bis, mit glücklichem Rehwild angefüllt, jede geflutete Senke herrlich wie die mächtige Tiefe (Ozean) ausschaute. Entlang der waldigen Flanken der Berge ergossen sich Ströme, von denen einige makellos blieben und andere sich in den Tönungen von Gold, Asche, Silber und Ocker verfärbten. In dieser lieblichen Zeit, als alle zufrieden waren, ergriff ich Bogen und Pfeile und fuhr mit dem Wagen ans Ufer der Sarju auf die Jagd in Feld oder Wald. Ich gierte mit meinem ganzen ungezügelten Willen danach, einige Elefanten des Nachts zu töten, oder auch Büffel, die zur Tränke kamen oder Tiger am Rande des Flusses.

Als alles um mich dunkel und still war, hörte ich, wie sich ein Krug langsam füllte und dachte dabei, in tiefstem Schatten verdeckt, daß ein Elefant dieses Geräusch machte. Ich zog einen hell funkelnden Pfeil hervor, der wie ein giftiger Schlangenbiß lähmen konnte, wollte das große Tier töten, und mein Pfeil eilte zum Ziel. Dann, in der morgendlichen Ruhe, traf der grelle Schrei eines Einsiedlers mein Ohr. 'Weh mir, oh weh' schrie er und sank, von meinem Pfeil getroffen, auf das Ufer. Als meine Waffe seinen Leib traf, hörte ich eine menschliche Stimme rufen: 'Warum zielt dieser Pfeil auf einen wie mich, einen armen und harmlosen Anhänger? Ich kam des Nachts, um meinen Krug an diesem einsamen Strom zu füllen, wo kein Mensch ist. Oh, wer hat diesen tödlichen Pfeil abgeschossen? Wem habe ich Unrecht getan und wußte es nicht? Warum sollte ein harmloser Junge die Rache des fliegenden Metalls fühlen? Wer würde den schuldlosen Sohn eines Einsiedlers töten, der niemanden verletzte, zurückgezogen in den Wäldern wohnt und dort sein Leben von Waldesfrucht fristet? Weh mir, oh weh, warum ward ich getötet, und welche Beute wird der Mörder sich gewinnen? Meine Haare winde ich in Eremitenlocken, und ich trage Kleidung aus Fellen und Borke. Weh, wer kann die grausame Tat loben, deren sinnlose Mühe keine Früchte trägt? Die so gottlos ist wie eines Schurken Verbrechen, der es wagt, seines Meisters Bett zu erklimmen. Zwar trauert mein sinkender Geist nicht um das Leben, welches ich verlasse, aber für Mutter und Vater klage ich sehr, wenn es mit mir zu Ende geht. Oh weh, die beiden Alten, das hilflose Paar, die ich lange mit meiner achtsamen Sorge erfreute, wie wird es ihnen ergehen, wenn ich zu den Fünf dahinscheide(3)? Vom selben Pfeil durchdrungen sterben wir alle, meine ehrwürdige Mutter, mein Vater und ich. Wessen mächtige Hand, wessen ruchloser Geist hat nur uns alle drei zum Tode verurteilt?'

Als ich, von Liebe zur Pflicht durchdrungen, diese berührende Klage hörte, durchbohrte mein Herz ein plötzlicher Schmerz, und ich warf Pfeile und Bogen zu Boden. Mit trauer- und schreckerfülltem Herzen eilte ich zu dem Ort, wo, durch meinen Pfeil tödlich verwundet, ein Einsiedler an Sarjus Ufer lag. Sein verfilztes Haar war ganz aufgelöst, der Krug leer auf der Erde, und er lag, vom verhängnisvollen Pfeil getroffen, mit Blut und Staub bedeckt. Da stand ich, verdammt und ratlos, als er seine sterbenden Augen auf die meinen richtete. Seine Rede sprach er mit strengem Nachdruck, als ob sein Licht meine Seele verbrannte: 'Wie habe ich dir unrecht getan, König, da ich durch deinen tödlichen Pfeil sterben muß? Der Wald war mein Heim, dieses Gefäß trug ich und suchte Wasser für meine Eltern. Dieser schneidende Pfeil, der mich durchbohrt, tötet auch meinen Vater und meine alte Mutter. Schwach und blind warten sie auf mich in hilfloser Not und dürsten vergebens. Mit vertrockneten Lippen werden sie den Schlag hinnehmen müssen, und die Hoffnung wird in blankem Entsetzen enden. Weh mir, es scheinen sich keine Früchte angesammelt zu haben vom heiligen Eifer oder vom Studieren der Schriften. Denn sonst würde mein Vater gewußt haben, daß sein lieber Sohn darniederliegt. Und selbst wenn er um mein beklagenswertes Schicksal wüßte, was könnte sein schwacher Arm denn tun? Ein festverwurzelter Baum kann nie der Wächter für einen entwurzelten Baum sein. Eile zu meinem Vater und berichte ihm von meinem plötzlichen Schicksal, sonst verbrennt er dich in seinem Zorn wie das Feuer den Wald. Folge diesem schmalen Pfad, oh König, bald wirst du die Hütte meines Vaters erblicken. Flehe dort den Weisen um Verzeihung an, sonst verflucht er dich in seiner Wut. Doch zieh erst den Pfeil aus der Wunde, der mich mit brennendem Schmerz tötet, ganz wie die wogende heftige Flut sich durch das nachgebende Ufer frißt.'

Ich ängstigte mich, den Pfeil herauszuziehen und zögerte in schmerzvollem Zweifel: 'Jetzt quält ihn der Pfeil, aber wenn ich ihn herausziehe, stirbt er.' Hilflos war ich, schwach und tief verstört. Der Sohn des Einsiedlers wußte um meine Gedanken und von stärksten Schmerzen überwältigt, hatte er kaum die Kraft zu sprechen: 'Mit verkrümmten Gliedern und stockendem Atem, dem Tode nah und immer näher liege ich, aber meine Sinne sind ungestört und innere Kraft hat die Schmerzen besiegt. Von einer Träne sei deine Seele befreit, daß deine Hand einen Brahmanen bluten ließ. Diese Not soll nicht deine Brust bedrücken, denn ich bin kein zweifachgeborener Jüngling, oh König. Ich stamme von einem Vaisya Vater ab, der eine Sudra Dame heiratete.' Der Junge konnte die Worte kaum aussprechen, als er vom Pfeil gequält dalag. Seinen hilflosen Körper drehte ich auf die Seite, der zitternd und bewußtlos auf dem Boden lag, und zog den ihn durchbohrenden, schmerzenden Pfeil aus der blutenden Wunde. Mit der letzten Qual des Todes blickte er mir ins Gesicht und, reich an Buße, starb er."



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(1) kleine Blüten, süße Früchte
(2) große rote Blüten, große bittere Früchte
(3) die fünf Elemente, aus denen der Körper entsteht und zu denen er wiederkehrt