Pushpak Ramayana Buch 2Zurück WeiterNews

Canto 52 - Die Überquerung der Ganga

Nachdem die Schatten der Nacht geflohen waren, erhob sich der berühmte Rama mit der breiten Brust von seinem niedrigen Lager und sprach zu seinem Bruder Lakshmana: "Der Gott des Tages kommt schnell herbei, und die verehrte Nacht ist vorüber. Der Vogel Koil mit den dunklen Schwingen ruft vom höchsten Aste aus und vom nahen Dickicht ist der erste Ruf des Pfaus zu hören. Komm, laß uns die Flut überqueren, die der See zueilt, die schnell fließende Jahnavi (Tochter des Jahnu, Ganga)."

König Guha hörte die Worte, stimmte zu und rief seine Minister eilends herbei: "Ein Boot" rief er, "schnell, stark und schön, mit Rudern, Riemen und Männern, schafft es an den Strand, damit die Pilger schnell übersetzen können." So sprach Guha, und seine Begleiter folgten tatkräftig ihres Herrn Befehl. Bald vermeldete der König ehrfürchtig dem Rama, daß ein schönes, bemanntes Boot bereit sei und am Ufer wartete: "Das Boot erwartet euch am Ufer. Nun sprich, wie kann ich dir noch helfen? Oh Herr der Menschen, dich erwartet die Überquerung des Stromes, der die See sucht. Oh göttergleicher Befolger deines Gelübdes, geh an Bord. Das Boot ist bereit." Rama, der Herr von hohem Ruhm, antwortete König Guha: "Dank dir für deine wohlwollende Güte, mein Herr, nun laß unsere Ausstattung an Bord bringen." Die mit Bogen bewaffneten und mit Rüstung versehenen Jünglinge banden sich Schwert und Köcher an die Hüfte und gingen mit Sita an ihrer Seite zum abschüssigen Ufer des breiten Stromes. Da näherte sich demütig der Wagenlenker mit gefalteten Händen und fragte gut und treu den Rama: "Und was bleibt für mich zu tun?" Mit seiner rechten Hand den Freund berührend antwortete der Held: "Geh zurück und achte mit großer Aufmerksamkeit auf den König. Bis hier, Sumantra, warst du unser Führer. Doch kehre nun nach Ayodhya zurück." Und weiter sprach er: "Wir lassen Pferde und Wagen zurück und suchen den fernen Wald zu Fuß auf."

Als Sumantra hörte, wie der Held ihn scheiden hieß, da antwortete er dem Tapfersten der Tapferen mit traurigem Herzen: "In der ganzen Welt kann man von keinem Helden erzählen, der sich mit deinen Taten messen kann - solcherart mit deinem Bruder und deiner Ehefrau wie ein Diener im Walde zu leben. Keine treffende Belohnung an Früchten entschädigt deine heilige Tradition, deine weisen Tage, deine mitfühlende Seele und deine Liebe zur Wahrheit, wenn ein Kummer wie dieser dich in deiner Jugend trifft. Wenn du mit deinem lieben Bruder und deiner Gefährtin im Walde wanderst, sollte dir sogar eine reichere Belohnung an Herrlichkeit zuteil werden, als die drei Welten, die deine Regentschaft anerkennen. Traurig ist dein Schicksal, oh Rama, und wir müssen, von dir getrennt und verlassen, als Knechte der gebieterischen, gemeinen und zum Übel geborenen Kaikeyi zu Willen sein."

So sprach der treue Wagenlenker, als Raghus Sohn schnell auf seinem Wege weiterging, und lang rannen seine qualvollen Tränen. Aber Rama, dessen Lippen mit Wasser gereinigt waren, sprach erneut zum Wagenlenker in sanften Worten, süß und klar, als diese Tränen getrocknet waren: "Ich kenne kein Herz wie deines, mein Freund, so treu dem Geschlecht der Ikshvakus. Behalte immer als erstes im Blick, daß mein Vater wegen mir nie trauern möge. Denn der die weite Welt regierende König ist alt und von wilden Schmerzen gepeinigt, müde und schwach durch der Liebe große Bürde. Erachte dies für den Grund, warum ich so zu dir spreche: Was immer der hochbeseelte König verfügt, um das Herz seiner geliebten Kaikeyi zu befrieden, ja, was immer sein Befehl auch sei, du mußt ihm ohne Bedenken gehorchen. Denn nur dafür regieren große Monarchen, daß nie ein Wunsch umsonst gebildet sei. Dann, Sumantra, sorge dafür, daß kein Hemmnis den König treffe, auch laß sein Herz nicht vor Gram vergehen.

Und dies, mein treuer Freund, sei deine Aufgabe. Grüße den verehrten König, meinen Vater, und wiederhole ihm, dessen Sinne kontrolliert und der erschöpft von Kummer und alt ist, an meiner statt diese Worte: 'Ich, Sita und Lakshmana beweinen nicht unser verändertes Schicksal, oh Monarch. Es ist uns gleich, ob wir hier wandern oder in Ayodhya wohnen. Die vierzehn Jahre werden schnell vergehen, und die glückliche Stunde naht schon bald, wenn du, mein Herr, Lakshmana, die Maithili Dame und mich wiedersehen wirst.' Und wenn du so meinen Vater und meine Mutter beruhigt hast, oh Wagenlenker, dann überbringe die Botschaft auch allen anderen Königinnen. Doch wende dich vor allem an Kaikeyi mit liebenden Segnungen von uns dreien. Grüße meine Mutter Kausalya und rühre mit Verehrung an ihre heiligen Füße. Dann füge dies Gebet von mir hinzu: 'Oh König, laß schnell nach Bharata senden und ihn herbringen. Setz ihn auf den königlichen Thron, denn dein Gebot hat es so gefügt. Und wenn er auf dem Thron Platz genommen hat und du deine geneigten Arme um ihn geschlungen hast, dann wird dein altes Herz aufhören, wegen der bitteren Sorge um Ramas Wohl zu schmerzen.' Und sage dem Bharata: 'Behandle du alle Königinnen mit gleicher Achtung. Die Sorge, die der König erhält, zeige du auch jeder Dame. Sei dem Willen deines Vaters gehorsam, der dich wählte, den Thron zu besetzen. Dies bringt dir große Glückseligkeit in beiden Welten, der kommenden und dieser.'"

So instruierte Rama den Sumantra mit rücksichtsvoller Sorge und bat ihn zu gehen. Sumantra hörte jedes seiner Worte und sprach erneut voller Leidenschaft: "Oh, sollten meine tiefen Gefühle irgendwie deine Rede voller tiefer Hingabe stören, vergib mir, was ich außer mir dahersage: Meine Liebe ist stark, doch meine Zunge schwach. Wie kann ich ohne dich zu dieser trauernden Stadt zurückkehren? Wo die Menschen krank im Herzen sind, weil ihr Rama in der Ferne weilt. Ihr Leid wird zu schwer sein, um es zu ertragen, wenn sie deinen leeren Wagen sehen, als ob der Wagenlenker aus einer Schlacht heimkehrte, in der alle Herren erschlagen wurden. An dem Tag, so denke ich, hat sich das Volk die Nahrung versagt, als sie daran dachten, wie du mit hilfreicher Begleitung in wilde Wälder enteiltest. Die große Verzweiflung, der qualvolle Schrei, den sie ausstießen, als du gingest, wird sich nun vervielfachen, wenn ich wiederkomme mit niemandem an meiner Seite. Wie kann ich Kausalya gegenübertreten und sagen: 'Oh Königin, ich führte deinen Sohn fort und verließ ihn dann mit seinem Bruder. Weine nicht um ihn, zerstreue deinen Kummer'? Solch falsches Märchen kann ich nicht spinnen. Aber wie dann die Wahrheit sprechen und die Dame nicht verletzen? Wie können diese Pferde, schnell und kühn, die keine Hand als die meine halten kann, je einen anderen tragen und einen Wagen ziehen, in dem nicht Ikshvakus Kinder weilen? Ohne dich, Prinz, kann ich nicht, ich kann nicht nach Ayodhya fahren.

Geruhe, oh Rama, mir nachzugeben und laß mich deine Verbannung mit dir teilen. Aber wenn keine Bitte dein Herz bewegen kann, wenn du mich fortschickst und verläßt, dann sollen die Flammen mir und dem Wagen ein Ende setzen, von dir verlassen und getrennt. Wenn im wilden Dschungel sich Feinde nahen, wenn Gefahren deine strengen Gelübde stören, dann will ich in meinem Wagen dir beistehen, um alle Gefahren und Sorgen aus dem Wege zu räumen. Um deinetwillen liebe ich das geschickte Bemühen, welches das Pferd führt und seinen Willen zügelt. Schon bald wird das Leben im Walde für mich angenehm sein aus Liebe zu dir. Und wenn diese Pferde in der Nähe weilen und dir im Walde wohl dienen können, dann werden auch sie die rechte Belohnung an höchstem Glück für ihre Dienste nicht vermissen. Wenn ich mit dir wandere, werde ich deinen Befehlen mit Herz und Verstand gehorchen. Ohne zu zögern bin ich für dich bereit, Ayodhya oder den Himmel zu verlassen. Wie jemand, der verborgene Sünde ablehnt, kann ich niemals mehr innerhalb Ayodhya, der Stadt unseres Königs, weilen, außer mit dir an meiner Seite. Ich habe nur diesen Wunsch, ich bitte nicht um mehr, daß, wenn deine Verbannung vorüber ist, ich in meinem Wagen meinen Herrn mit mir führe und ihn im Triumph nach Hause geleite. Die vierzehn Jahre, die ich mit dir verbringe, werden so schnell wie ein lichtbeflügelter Moment verfliegen. Aber dieselben Jahre ohne dich, werden hundertfach länger sein. Verlasse deinen Diener nicht, freundlicher Herr, der an seines Herren Sohn hängt und seinen Pfaden folgt, hingebungsvoll, mitfühlend, gerecht und treu."

Wieder und wieder klagte Sumantra auf vielfache Art und bat und weinte. Und Raghus Sohn, dessen liebe Brust für seinen Diener schlug, antwortete ihm: "Oh treuer Mann, mein Herz weiß wohl wie du an mir hängst und wie treu du bist. Höre du auf meine Worte und wisse, warum ich dich bitte, zur Stadt zurückzukehren. Wenn Kaikeyi, die jüngste Königin, dich in die Stadt zurückkehren sieht, wird es keinen Zweifel in ihr geben, daß Rama in der Wildnis weilt. Und so wird sich ihr Herz mit diesem Beweis von Ramas Verbannung zufriedengeben und den tugendhaften König nicht mehr anzweifeln, daß er seinem geschworenen Eide nicht treu sei. Das ist meine Hauptsorge, daß sie, die Jüngste der Königinnen, ihren Bharata sicher über Ayodhyas weites Reich regieren sieht. Mir und dem Monarchen zuliebe, fahre heimwärts und wiederhole jedes Wort, das du von meinen Lippen vernahmst, wie ich dich bat."

So sprach der Prinz und suchte das trauernde Herz des Wagenlenkers aufzuheitern. Dann sprach er zum königlichen Guha höchst weise und beherzte Worte: "Guha, lieber Freund, es ist nicht gut, daß viel Volk meinen ruhigen Rückzug begleitet, denn ich muß in strikter Zurückgezogenheit leben und mein Leben wie ein Eremit gestalten. Ich habe nun die alte Regel angenommen, die gute Asketen glücklich bewahrten. Ich gehe. Bring mir Saft von Feigenbäumen, daß ich meine Haare in verfilzte Locken wickle."

Schnell eilte Guha, dem Sohn des Königs den heiligen Saft zu besorgen. Und Rama und Lakshmana wandelten ihre langen Locken in die Haartracht der Einsiedler um. Da standen die beiden königlichen Brüder, ähnlich ausschauend in Bastkleidung gehüllt und mit verfilzten Zöpfen, gänzlich verwandelt in heilige Einsiedler, die gerne im Walde leben. So trat Rama mit seinem mutigen Bruder in das Leben der frommen Asketen ein, dem Eid gehorchend, den Eremiten schwören, und sprach zu seinem Freund, König Guha: "Mögen die Menschen, der Reichtum, das Militär und die eingezäunten Festungen deiner stetigen Sorge sicher sein. Achte auf alles. Die Aufgabe eines Herrschers ist das Schwerste: zu beobachten und zu beschützen." So gab Ikshvakus Sohn dieses letzte Lebewohl dem Guha und machte sich mit Lakshmana und seiner Braut auf den ihm bestimmten Weg.

Im Anblick des vorbereiteten Bootes am Ufer der heftig wogenden Fluten der Ganga sprach er zu Lakshmana: "Bruder, steig ein, strecke deine Hand aus und biete deine zarte Hilfe Sita an. Achte sorgsam auf ihre zitternden Schritte, und laß die Dame neben dir sitzen." Hilfsbereit folgte Lakshmana den Worten seines Bruders. Er half der Dame, im Boot Platz zu nehmen, und dann setzte sich der Held neben sie. Als nächstes bestieg Rama das Boot, der Gott des strahlendsten Ruhmes, und, nachdem er an Bord war, murmelte er ein Gebet um Segen, welches für Priester und Krieger gleichermaßen der Wiederholung würdig ist. Dann beugten er, der wagengeborene Lakshmana und Sita zufrieden und demütig die Häupter und schöpften mit ihren Händen und nippten etwas Wasser, wie es die Schriften erbitten. Noch ein Lebewohl ging an Sumantra, Guha und sein Gefolge. Dann befahl Rama, der an Bord seinen Platz eingenommen hatte, das Ablegen des Bootes. Durch kräftige Arme auf den Weg gebracht und vom Steuermann auf Kurs gehalten, eilte das Boot durch die forschen Wellen der Ganga. Auf halbem Wege durch den Strom, legte die von Befleckung und Schande freie Sita die Hände aneinander und sprach zur Göttin des Stromes: "Möge der große, von Dasaratha abstammende Führer, der Beste der Könige, von dir beschützt den königlichen Willen seines Vaters erfüllen. Wenn er die vierzehn Jahre seiner Verbannung im Walde hinter sich gebracht hat, soll mein Herr mit seinem Bruder und mir seine Heimat wiedersehen und an einem glückseligen Tage heimkehren. Ich werde dir meine Opfer widmen, liebe Königin, deren Wasser sanft fließen, denn du kannst alle gesegneten Gaben vollbringen. Obwohl du, dreiarmige Königin, hier wanderst und dein herrlicher Strom sich hier entrollt, entstammen deine Wellen der Sphäre Brahmas, du Höchste der Fluten. Vor dir, schöne Königin, beuge ich das Haupt, und dir widme ich die Lobeshymnen, wenn mein tapferer Herr wieder heimkehren und freudig über sein Königreich herrschen wird. Um deine Gunst zu gewinnen, oh göttliche Königin, werde ich hunderttausend der schönsten Kühe, kostbare Kleidung und feinste Speisen unter den Brahmanen verteilen. Hundert Kannen Wein sollen fließen, wenn ich, oh Königin, wieder heimkehre, auch Fleisch und Mais und Reis werde ich erfreut opfern. Jeder geheiligte Ort, jeder heilige Schrein an deinen schönen Ufern, jeder Tempel und Altar an deinen Böschungen soll mein Opfer und meinen Dank teilen. Möge er, der ohne Schuld und starken Armes ist, mit mir und Lakshmana unverletzt den Wald verlassen und Ayodhya aufsuchen, oh reine und unschuldige Dame."

Und während so die makellose Dame für das Wohl ihres Ehemannes zur Ganga betete, schnellte das Boot zum rechten Ufer voran mit ihr, deren Herz rein und wahrhaft war. Nachdem die Barke die Wellen hinter sich gelassen hatte, verließ der löwenhafte Führer das Boot und ging mit Gemahlin und Bruder an Land. Dann sprach Rama zum Prinzen, der Sumitras Brust mit Freude erfüllte: "Wache und beschütze auf diese Weise in bevölkerten Plätzen und in einsamen Schatten: Geh du voran. Laß Sita dort ausschreiten, wohin du führst. Hinter euch beiden wird mein Platz sein, um die Maithili Dame und dich zu beschützen. Denn sie, die bisher dem Leid eine Fremde war, hat bisher keine Anstrengung und keine Qual gekannt. Die Schöne aus Videha wird heute nun die Schmerzen des Waldlebens kennenlernen. Heute müssen ihre zarten Füße auf rauhen Steinen laufen, die sich um sie häufen. Es gibt keine Felder hier, keine Gärten wachsen, und keine sich drängenden Menschen kommen und gehen."

Der Held verstummte. Lakshmana führte gehorsam gemäß seinen Worten, Sita folgte ihm und dann kam Raghus Stolz. Mit Sita über den Sand laufend suchten sie den Wald auf, die Bögen in den Händen, und warfen doch verstohlene Blicke dorthin, wo Sumantra noch zu sehen war. Als Sumantra mit wachsamen Augen die königlichen Jünglinge nicht mehr erspähen konnte, kehrte er sich um und verließ mit Guha den Wald auf dem Weg nach Hause.

Die Brüder wanderten weiter und erlegten mit ihren Speeren einen Hirsch. Hastig entzündeten sie ein Feuer aus Ästen und brieten das Fleisch in der Flamme. So teilten Raghus Söhne mit Sita das Mahl der Jäger, welches ihre eigene Hand zubereitet hatte und berieten, daß der sich weit erstreckende Baum ihre Zuflucht und ihr Heim sein sollte.



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