Pushpak Ramayana Buch 1Zurück WeiterNews

Canto 45 - Die Suche nach Amrit

Mehr und immer mehr hatte sich bei Rama und Lakshmana Verwunderung eingestellt, während sie das Ende der seltsamen Geschichte erreichten. Folglich erhob Rama, der Beste unter den Söhnen des Raghu, seine Stimme und redete den Asketen an: "Höchst wunderlich ist die Geschichte, die du von der himmlischen Ganga erzählt hast, wie sie von den oberen Reichen herabkam, durch das Land flutete und den Ozean füllte. Während wir über das sannen, was du uns erzähltest, verging die Nacht wie im Fluge. Die Stunden verrannen beim Grübeln über deine vorzüglichen Worte, so sehr hat uns deine Weise aus uralten Zeiten verzaubert, oh heiliger Weiser."

Der Morgen graute. Die ersten Gebete des Tages waren getan, und der siegreiche Raghusohn sprach zum Weisen, der so reich an langer Askese war: "Die Nacht ist vorüber, der Morgen klar, die gut anzuhörende Geschichte erzählt: Laßt uns nun den Fluß überqueren, den dreiarmigen, den besten von all denen, die da fließen. Dieses Boot steht bereit am Ufer, die heiligen Asketen zu tragen, welche von deinem Kommen gehört und eilig die Barke hier plaziert haben." Kusiks Sohn stimmte dem zu, ging zum sandigen Strand und ließ die Eremiten im Boot Platz nehmen. So erreichten sie das nördliche Ufer, faßten Fuß und grüßten alle, die sie trafen.

Wie sie der Ganga Ufer erreichten, erblickten sie schon Visadas liebliche Stadt. Dorthin lenkte der Beste der Eremiten seine Schritte mit den Prinzen an seiner Seite. Es war eine außerordentlich schöne Stadt, die sich selbst mit dem Himmel vergleichen konnte. Rama fragte seinen heiligen Guru mit demütig zusammengelegten Händen: "Oh bester Einsiedler, sage mir, welche königliche Linie regiert diesen lieblichen Ort? Lieber Meister, erhöre meine Bitte, denn ich möchte sehr gern die Geschichte hören." Von seinen Worten gerührt begann der heilige Mann die uralte Geschichte von Visada zu erzählen:

"Höre, Rama, höre genau die Geschichte von Indras wundersamen Taten und warte geduldig, wie ich dir wahrheitsgemäß erzähle, was hier vor langer Zeit geschah. Bevor Kritas berühmtes Zeitalter (das erste, goldene Zeitalter) zu Ende ging, waren die Söhne von Diti(1) stark geworden, ebenso wie die tapferen Kinder von Aditi, welche mächtig, gut und wahrhaftig waren. Die rivalisierenden Brüder waren schrecklich und mutig, Söhne des hochbeseelten Kasyapa und von Müttern, welche Schwestern waren. Titanen und Götter wetteiferten ständig, in neidischem Stolz - Blut gegen Blut. Einmal, so wird erzählt, trafen sich die beiden Parteien und verbanden sich in einem furchtbaren Beschluß, daß sie nämlich unberührt von Zeit und Alter leben und unsterblich bleiben wollten in ihrer blühenden Jugend. Und dies war der Ratschlag der Weisen und Großen nach ordentlicher Debatte: den milchigen Ozean mit Macht zu quirlen, um den lebensspendenden Saft zu erhalten. Nach diesem Plan gewannen sie den König der Schlangen, Vasuki, als Schnur zum Quirlen, und den Berg Mandar als Pol, und sie quirlten und rührten mit Herz und Seele. Als sie so einige tausend Jahre gerührt und die Schlange ordentlich hin- und hergezogen, dabei viele Felsen verbraucht und so manches Haupt gequält hatten, da stieg ein sehr tödliches Gift auf. Gewaltig wie eine riesige Flamme platzte das pestilente Gift heraus und verbrannte alles auf seinem Weg: die Heimstätten der Götter, Dämonen und Menschen. Da eilten die ängstlich bittenden Götter zu Shankar (Shiva, Rudra), dem mächtigen Herrn und riefen dem König der Herden bestürzt zu: 'Rette uns, oh Herr, rette uns!' Dann erschien Vishnu. Er trug Muschelhorn, Keule und Diskus und zeigte sein strahlendes Gesicht. Und mit lächelnder Freude sprach er zur dreizacktragenden Gottheit (Shiva): 'Den Schatz, den die Götter als erstes aus dem geplagten Ozean holen, während sie quirlen, der soll dir gehören, denn du bist der Älteste, du Bester aller Götter. So komm, und nimm um deiner Geburtsrechte willen, diese erste Frucht.' Er sprach’s und verschwand vor aller Augen. Als Shiva ihre wilde Angst sah und die Rede desjenigen hörte, der den mächtigen Bogen aus gebogenem Horn erschuf (Vishnu), da schluckte der überragende Gott mit einem Mal die tödliche Flut, als ob es das himmlische Amrit wäre, um dann die Götter wieder zu verlassen.

Die Schar der Götter und Asuren (Dämonen) machte weiter und rührte geeint mit einem Herzen und einem Willen. Aber der Berg Mandar bohrte sich bei all dem Drehen tief in den Grund der Erde. Wieder flohen die Götter und Dämonen voller Angst zu dem, der den mächtigen Madhu schlug (Vishnu): 'Du Zuflucht aller Wesen, wir flehen deine Hilfe mehr als alle Götter es je taten. Wehre unser Schicksal ab, du Starkarmiger, und stütze des Mandars drohendes Gewicht.' Als Vishnu ihre schwere Not vernahm, da verwandelte er sich in eine Schildkröte und legte sich auf den Grund des Ozeans, das Gewicht des Berges auf seinem Rücken tragend. Auch reichte die unsterbliche und alles durchdringende Seele, deren Haar in strahlenden Locken schwingt, mit einem langen Arm stützend bis zum Gipfel des Berges und reihte sich so in die den Ozean quirlende Götterschar ein.

Nach tausend weiteren Jahren des Quirlens erhob sich ruhig aus dem Meer ein sanfter Weiser mit Stab und Kanne, der Herr der heilenden Künste (Dhanvantari, der Arzt der Götter). Und immer noch schäumten und kochten die Wasser, denn die Götter rührten immer weiter. Da erhoben sich aus den Wellen sechzigmillionen schöne Damen, aus Schaum und Wasser geboren, mit gewinnendem Gesicht und lieblicher Gestalt, welche passend Apsaras genannt wurden (Nymphen, wassergeboren). Eine jede hatte ihre Mägde bei sich. Die Zunge würde versagen, alle zu nennen, so riesig war die Schar. Aber als weder Gott noch Dämon um eine Gattin aus der Menge warb, widmeten sie, von allen verschmäht, ihre Liebe gemeinsam den oberen Göttern. Dann erhob sich aus dem wilden und gequälten Meer Sura, des Varunas jungfräuliches Kind(2). Sie suchte nach einem passenden Gatten, doch die Söhne Ditis lehnten ihre Liebe ab. Die Verwandten der anderen Partei jedoch warben um die reine Maid in aller Ehre. Seitdem tragen jene, welche die schöne Nymphe lieben, den geheiligten Namen Suras. Und Asuras heißen die Titanen, die des Mädchens sanfte Frage abwiesen.

Als nächstes gab die See das üppige Roß Uchchaihsravas frei (das Pferd Indras), dann Kaustubha, das Juwel unter den Juwelen (ziert Vishnus Brust), und danach Soma, den Mondgott. Nachdem viele weitere Jahre vorbeigezogen waren, rauschte aus den Wellen in jugendlicher Blüte ein schönes Mädchen mit zarten Augen auf ihrem Lotusbett herauf. Sie funkelte im Glanz von Perlen und Gold, und Siegel von Herrlichkeit zierten sie zur Königin. An jedem runden Arm strahlten viele Juwelen, über ihren glatten Augenbrauen glitzerte ein Diadem, und unter ihrer Krone floß eine glänzende Haarpracht in Wellen hervor. Um ihren Hals wanden sich Perlen von unsagbarem Wert, und die Dame erstrahlte wie glänzendes Gold. Als Königin der Götter hielt sie in ihrer perfekten Hand eine Lotusblüte, während sie an Land schritt. Und, vom Lotus kommend, wandte sie sich zärtlich Vishnu, dem Lotustragenden, zu. Götter und Menschen kennen sie als die Königin der Schönheit und des Glücks (Lakshmi).

Weiter quirlten die Götter, Titanen und das Gefolge aus himmlischen Barden den gequälten Ozean. Und endlich enthüllte sich das Amrit ihren Blicken, der so lang und schwer gesuchte Schatz. Sofort entbrannte um die reiche Beute ein brüderlicher Krieg, und die Heerscharen der Söhne von Diti und Aditi trafen sich im Kampfe. Mit Hilfe der Giganten schritten die Titanen zur schrecklichen Attacke, und für viele Tage ward das Universum von einer wild hin- und herwogenden Schlacht erfüllt. Als alle Waffen keine Wirkung mehr hatten und alles in Trümmern lag, verhüllte Vishnu mittels illusorischer Künste das Amrit vor aller Augen. Dann schlug dieses Beste aller Wesen seine Feinde, die es wagten, sich seinem todlosen Arm zu widersetzen. Ja, Vishnu, der All-Erhalter, zertrat unter seinen Füßen die Titanen. So besiegten Aditis Söhne, die Kinder des Lichts, die Nachkommen der Diti in einem grausamen Kampf. Der städtezerstörende Indra gewann sich sein Imperium und regierte in Herrlichkeit und Freuden über die drei Welten mit Barden und Weisen an seiner Seite.


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(1) Diti war die Mutter der Titanen, Aditi die Mutter der Götter, Vater: Kasyapa
(2) die Göttin steht für alle berauschenden Getränke