Pushpak Ramayana Buch 1Zurück WeiterNews

Canto 34 - Brahmadatta

"Einst lebte ein König von Brahmas Abstammung mit Namen Kusha. Er war gerecht, seinen Gelübden treu, wahrhaft und ehrte immer das Gute. Seine Gattin, eine Königin aus dem edlem Geschlecht der Vidharba- Monarchie, gebar ihrem Ehemann vier Söhne, allesamt tapfere Jungen wie ihr Vater. Sie stählten sich in glorreichen Heldentaten und erfüllten ihre kriegerischen Aufgaben ganz hervorragend. Der Vater gab seinen gerechten, mutigen und tugendhaften Söhnen den Rat: 'Geliebte Kinder, vergeßt niemals: Das Beschützen ist eines Prinzen höchste Pflicht. Beginnt sofort mit dieser edlen Arbeit, um euch hohe Tugend und deren Früchte zu gewinnen.' Die Jungen, die allen Leuten lieb gesonnen waren, empfingen die Rede mit willigen Ohren, und bald darauf ging ein jeder seines Weges, um die Fundamente einer Stadt zu legen. Kushamba, ein Prinz von großer Ehre, baute die Stadt Kausambi. Und Kushanabha, gerecht und weise, ließ die hohen Türme von Mahodaya errichten. Amurtarajas wählte sich die Zitadelle von Dharmaranya als Wohnstatt. Und Vasu erbat sich für seine schöne Stadt den Namen Girivraja.

Der fruchtbare Flecken, auf dem wir stehen, war einst das Land des Vasu. Laß die Blicke schweifen und sieh diese fünf stolzen Bergesgipfel. Schau, dem Berg entspringt das hübsche Bächlein Sumagadhi, wie es sich hell schimmernd durch die Berge schlängelt, als ob es einen Kranz bilden will, um dann in schönen Mäandern durch die Magadh- Ebenen und Wälder zu fließen. Hier war Vasus alte Domäne, das fruchtbare, weite Magadh- Land, die lieblichen Felder mit Ackerbau geschmückt und einem Diadem aus goldenem Korn.

Königin Ghritachi war als schönste Nymphe mit Kushanabha, dem ältesten Sohn, verheiratet und gebar einhundert schöngesichtige Töchter, welche mit jedwedem Charme und Schönheit geschmückt waren. Zufällig zog es eines Tages die wie Blitze an einem Regentag funkelnden Mädchen in den Garten, um dort in Gesang und Spiel und lustiger Ausgelassenheit den Tag zu verbringen. Ebenda erblickte der Windgott die tanzenden Schönen, so makellos in ihrer Gestalt und mit wunderschönen Gesichtern, als er nach Belieben alle Orte ausfüllte. Er rief: 'Ich liebe euch, ihr süßen Mädchen. Eine jede soll meine liebe Braut sein! Entsagt, entsagt dem sterblichen Los und gewinnt euch ein Leben, das niemals vergeht. Die kurze Jugendzeit ist ein unstetes Ding, noch viel mehr als das Leben eines sterblichen Menschen. Darum gewinnt euch niemals endende Jugend und seid unsterblich, oh meine Geliebten, mit mir.'

Verwundert hörten die hundert Mädchen das Werben des Windgottes und erwiderten, seinen Antrag wie einen Scherz beiseite lachend, wie mit einer Stimme: 'Oh mächtiger Wind, du freier Geist, der du alles Leben durchdringst, deine wunderbare Kraft ist uns Mädchen bekannt. Doch warum verspottest du uns so? Unser Herr ist Kushanabha, der König, und wahrlich, wir haben wohl den Zauber, einen Gott im Himmel zum Schwärmen zu bringen, doch für uns ist Ehre das Höchste. Fern sei die Stunde, so beten wir, wenn wir, oh du mit wenig Verständnis, unseres tugendhaften Vaters Entscheidung mißachten und für uns selbst einen Ehemann erwählen. Wir erachten unseren geehrten Vater als unseren Herrn, er ist für uns der höchste Gott. Und der, den er für uns auswählt, der soll unser Ehemann sein.' Der Gott hörte ihre Antwort, und großer Zorn loderte in ihm auf. Auf jedes der Mädchen sandte er einen Windstoß, der ihre prächtigen Körper beugte und krümmte. Doppelt verkrüppelt durch die Wut des Windgottes kehrten sie in den Palast ihres Vaters zurück und fielen dort mit vielen Seufzern zu Boden, während Tränen der Scham in ihre Augen traten. Der König erblickte seine einst so schönen Töchter mit hochgezogenen Augenbrauen und bekümmert ob des mitleiderregenden Anblicks rief er laut: 'Was ist das für ein Schicksal? Was ist der Grund? Welcher Bösewicht verachtet hier alle himmlischen Gesetze? Wer konnte eure Leiber so krümmen und verunstalten? Ihr zittert, aber antwortet nicht!' Die Mädchen hörten wohl den weisen König nach ihrem Unglück fragen, doch erneut seufzten sie und berührten mit ihren Stirnen seine Füße, um dann zu weinen: 'Der allesdurchdringende Windgott brachte uns diese böse Schande, denn er wählte den närrischen und teuflischen Weg, der abweicht vom Pfad der Tugend. Doch wir begegneten ihm mit tadelnden Worten, als ihn die Leidenschaft bewegte: Leb wohl, oh Großer. Wir haben einen Herrn, denn keine Frau ist ohne Begleitung oder frei. Geh, und hol dir die Zustimmung unseres Herrn, wenn du unsere Hand gewinnen willst. Wir leben kein selbstbestimmtes Leben. Wenn wir dich kränken sollten, vergib uns unseren Fehler. - Aber er, der Torheit folgend als ihr Sklave, wollte unsere Rede nicht hören, und selbst als wir sanft mit ihm sprachen, empfingen wir seinen zerstörerischen Schlag.'

Von Trauer gezeichnet sprach der fromme König zu den noblen Hundert: 'Tragt euer Schicksal mit Geduld, meine lieben Töchter. Eure Tat war wahrhaft groß, als ihr mit geeintem Geist den ehrenvollen Ruf eures Vaters vor Schande bewahrtet. Geduld ist das Lob und der Schmuck der Frauen, wenn Männer ihrem Zorn nachgeben. Es ist schwer, den Kummer zu ertragen, wenn der Gott einem solch ein Schicksal auferlegt hat. Darum Geduld, meine Mädchen, sie übertrifft alles Hohe, seien es Almosen, Wahrhaftigkeit oder Opfer. Geduld ist Tugend, Geduld ist Ruhm. Geduld hält diese Erde im Gleichgewicht. Und nun, denke ich, ist die Zeit gekommen, euch in der Blüte eurer Jugend zu vermählen. Ihr könnt euch nun zurückziehen, meine Töchter, meine Gedanken sind auf euer Wohl gerichtet.' Die Mädchen gingen besänftigt fort, und der Beste aller Könige rief noch am selben Tag seine Minister zusammen, um über ihre Heirat zu beraten. Seit dem Tag, als der Windgott die Mädchen krümmte, um sie zu strafen, ist die königliche Stadt bekannt unter dem Namen Kanyákubja (die Stadt der gebeugten Jungfrauen).

Es lebte einst ein Weiser mit Namen Chuli, der Hingebungsvollste aller Menschensöhne. Der glorreiche Heilige verbrachte seine Tage mit Bußübungen und höchst zufrieden. Ihm, dem in schwerer Askese vertieften, näherte sich die Tochter von Urmila, die süße Somada, die himmlische Maid, um ihm fromm zu dienen. Lange Zeit war sie ihm behilflich in aller Bescheidenheit und Verehrung, bis eines Tages der Asket voller Zufriedenheit zu ihr sprach: 'Ich bin dankbar für all deine Dienste, gesegnetes Mädchen, sprich, sage mir deinen Wunsch.' Die Nymphe mit der süßen Stimme war hocherfreut über die Gunst des Heiligen, und so sprach sie zu dem redegewandten alten Mann mit höchst höflichen Worten: 'Durch himmlische Gunst gestärkt gewannst du eine enge Vereinigung mit dem obersten Gott. Ich wünsche mir, oh Heiliger, einen Sohn durch die Kraft der heiligen Buße zu gewinnen. Ich lebe das Leben einer Maid und bin unverheiratet, bitte gib mir, der Bittenden, einen Sohn.' Mit Wohlwollen hörte der Asket ihre Bitte und gewährte ihr einen äußerst gerechten Sohn. Die Mutter gab ihm, dem spirituellen Kind des Chuli, den Nahmen Brahmadatta(1). König Brahmadatta wurde reich und berühmt, errichtete in Kampili seinen Hofstaat und regierte seine glückliche Metropole wie Indra in Glückseligkeit.

König Kushanabha plante, daß Brahmadatta der Gemahl seiner hundert Töchter werden sollte. Und ihm, der gehorsam seinem Ruf gefolgt war, gab der glückliche Monarch sie auch alle. Wie Indra ergriff er die Hand eines jeden Mädchens, und sobald jede Maid ihre Hand in die seine gelegt hatte, verschwanden alle Deformitäten und Sorgen, und die Mädchen strahlten wieder vor Schönheit und Glück. Ihre Befreiung von des Windgottes Fluch erblickte Vater Kushanabha mit Freuden. Und jeden Blick, den er auf die wiederhergestellte Gestalt seiner Töchter warf, erfüllte ihn mit immer neuem Entzücken. Als die Riten alle vorüber waren, entließ er den Bräutigam mit seinen Gattinnen in hohen Ehren in sein Reich. Dort empfing die Nymphe ihre Schwiegertöchter mit angenehmen Worten und, eine jede umarmend, erblickte sie deren Gestalt mit Entzücken und pries den königlichen Kushanabha.


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(1) lit. von Brahma gegeben / fromme Kontemplation