Pushpak Ramayana Buch 1Zurück WeiterNews

Canto 1 - Narada

OM.

Der Erste und Beste der heiligen Einsiedler, der hervorragende Valmiki, sprach eines Tages zum Prinzen der Weisen, zum in den Schriften und asketischen Lebensregeln bewanderten, also zu Narada:

"Ich frage dich, wer in allen Welten ist wahrhaft heroisch, tugendhaft und treu? Fest in seinen Gelübden, dankbaren Geistes und allen Wesen gegenüber gütig und freundlich? Wer ist freigebig, heilig, gerecht und weise? Wer in aller Augen ein aufrechter Mann? Ohne Falschheit, immer standhaft und klug? Wessen friedhafte Seele läßt sich niemals von Wut mitreißen? Vor wem fliehen die Götter in Angst, wenn sein kriegerischer Zorn entflammt? Wessen edle Macht und sanftes Geschick können die drei Welten vor Unheil bewahren?

Wer ist der Beste aller Prinzen, der sein Volk liebt? Bei dem die Glückseligkeit lebt und helle Freude und Tugend scheinen? Wer ist Lakshmis, der Königin des Glückes, bester Freund, deren ausgezeichnete Geschenke seine Schritte begleiten? Wer mag sich mit Sonne, Mond, selbst Indra, Vishnu, Agni und Vasu vergleichen?

Du Großer, du göttlicher Heiliger, bitte sag es mir. Für dich, dem die Kraft des Wissens gegeben, ist es sicher ein Leichtes zu antworten: Gibt es einen solchen, der unter uns weilt?"

Und Narada, vor dessen Augen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft wie ein klarer Bergsee liegen, setzte zur Antwort an: "Oh Einsiedler, wem sind diese Gnaden, so hoch und selten? Nun höre, meine Zunge wird dir sagen, in wem allein solch Tugenden wohnen.

Er kam aus Ikshvakus Geschlecht, der Welt als Rama bekannt. Seine Seele war still, seine Kraft überlegen, in den Schriften war er wohl versiert, strahlend im Glanze folgten seine Schritte dem Pfad der Tugend; gehorsam, rein und redegewandt war er. Stets war er erfolgreich und seine Feinde mußten sterbend seine Macht eingestehen. Fortuna zeigte an ihm ihre deutlichen Zeichen, mit starken Gliedern, breiten Schultern und einer hohen Gestalt. Seine Kehle wurde vom vielversprechenden Zeichen, der muschelförmigen Dreifachlinie, geformt. Sein großes Schicksal zeigte sich deutlich an den massiven Kiefern und der breiten Brust. Mächtige Pfeile schoß er zielsicher und zähmte damit jeden Feind in der Schlacht. Tief unter seinen Muskeln sah man kaum das Schlüsselbein liegen. Seine Schritte waren herrschaftlich fest und frei, und die starken Arme reichten bis zu den Knien. Alle besten Eigenschaften waren in ihm vereint und ergaben von Kopf bis Fuß das stattlichste Bild von einem Mann. Mit allen königlichen Attributen ausgestattet, war seine Haut weich und dunkelschimmernd, und seine großen Augen strahlten sowohl lieblich als auch majestätisch, ja fast göttlich. Ein Versprechen vergaß er niemals, und Irrtümern gegenüber war er immer wachsam. Von Natur aus weise, lehrte ihn seines Lehrers Geschick, seinen Willen zu zügeln. Gut, resolut, rein und stark war Rama, der die Menschen vor Vernichtung und Falschem bewahrte und immerzu und niemals vergeblich half, den Gang der Gerechtigkeit aufrecht zu erhalten. Die Veden studierte er wieder und wieder, den Bogen wußte er zu spannen, und die Künste und Gesetze waren ihm vertraut. So wie die Flüsse zum Meer, dem König der Ströme, streben, so folgten alle guten Menschen Rama, diesem hochbeseelten, einem glücklichen Schicksal folgenden, sowohl sanft als auch mitfühlend, edel und herrschaftlich Gebenden. So nobel, so gerecht und liberal war er. Er war voller Tugenden und damit die Freude von Königin Kausalyas Herzem. So unbeweglich wie die schneebedeckten Gipfel des Himalaya, so unergründlich wie die tiefsten Tiefen, war er Vishnus Kraft und Stärke ebenbürtig und so liebreich wie der Mond bei Nacht, geduldig wie die Erde und auch, einmal erzürnt, so schrecklich wie das weltenzerstörende Feuer. Er war großzügig wie Kuvera, der Gott des Reichtums, und die Gerechtigkeit selbst in menschlicher Gestalt.

Mit ihm, seinem besten und ältestem Sohn, der alle prinzlichen Qualitäten hatte, wollte König Dasaratha sein Reich teilen und regieren. Aber als Kaikeyi, die jüngste Königin, mit neidvollen Augen voller Haß den feierlichen Pomp für die königliche Krönungszeremonie sah, bat sie den unglückseligen König um die Einlösung zweier Versprechen aus längst vergangenen Tagen: Rama solle in die Wälder ziehen, und dafür ihr Sohn der Thronerbe sein. Durch Ketten der Pflicht an seine Versprechen gebunden, willigte der bemitleidenswerte König ein.

Um Kaikeyi zufriedenzustellen, ging Rama gehorsam in die Verbannung. Edel zeigte Lakshmana wahre Größe, und jedermann konnte seine Liebe und seinen Mut erkennen. Denn um seines Bruders Wohl besorgt, scheute er keine noch so große Gefahr und begleitete ihn ins Exil. Und Sita, Ramas zärtliche Frau, die er mehr als sein Leben liebte, war mit allen glücklichen Merkmalen gesegnet und ein Wunder an Liebreiz. Sie, von Janakas Geschlecht stammend, die Vorzüglichste aller Frauen, blieb an der Seite ihres geliebten Herrn, wie Rohini immer jubelnd den Mond begleitet. Der König mit seinem Volk folgte trauernd eine Weile dem Wagen des Helden. Und als Prinz Rama in der entzückenden Stadt des Shringavera, wo die Heiligen Wasser der Ganga fließen, die erste Rast einlegte, entließ er auch den Wagenlenker und sandte ihn heim. Er traf Guha, Nishadas König, und setzte zum anderen Ufer über. Von Wald zu Wald lenkten die Wanderer ihre Schritte, über so manchen Fluß ging die Reise, durch unbewegte Schatten, ganz wie Bharadvaja ihnen geboten hatte. Als sie zum Gipfel Chitrakuta gelangten, baute Rama mit Lakshmanas Hilfe eine kleine behagliche Hütte. Dort verbrachte er seine Tage mit Sita, in Bast und Hirschfell gekleidet. Und Chitrakuta erstrahlte mit den drei Erlauchten so hell wie der anmutig glänzende Gipfel des Meru, wenn die Götter dort verweilen: Shiva selbst zwischen dem Gott des Goldes und der Königin der Schönheit.

Der alte König verzehrte sich darweil vor Gram um Rama und verließ die Erde um der Himmel wegen. Bharata, sein Sohn, weigerte sich zu regieren, obwohl ihn die ganze Schar der Zweifachgeborenen dazu drängte. Er begab sich zum fernen Wald, um seinen Bruder Rama zu finden, fiel vor seinen Füßen zu Boden und rief: "Alle erkennen deinen Anspruch an, oh bitte komm zurück, und sei unser Herr und König!" Aber der edle Rama blieb standhaft, das Versprechen seines Vaters zu erfüllen. Er übergab Bharata seine Sandalen als Versprechen dafür, bald das Land zu regieren, und sandte seinen Bruder zurück. Als Bharata einsah, daß alles Bitten vergebens war, nahm er die Sandalen und verließ den Wald. Nur nach Ayodhya ging er nicht zurück. Er wandte sich gen Nandigrama, von wo er das Reich sorgfältig regierte und ungeduldig auf Botschaft von Ramas sicherer Rückkehr wartete.

Da das Volk nicht davon abließ, mit Rama in der stillen Einsiedelei zu weilen, zog dieser weiter, fort von Chitrakuta, immer weiter bis er den Dschungel von Dandaka erreichte. Dort erschlug er den fürchterlichen Riesen Viradha und traf Agastya, dessen Freundschaft er erfuhr. Auf sein Geheiß wurden Rama Indras Schwert, Bogen und auch ein Paar Köcher mit nie versiegenden Pfeilen darin verliehen. Und als die drei im Walde weilten, da kamen viele ängstliche Einsiedler zu ihnen und baten um Schutz vor Unholden, die viel Kummer verursachten. Rama bewachte die schutzsuchenden Wesen, stark und mutig wie Indra selbst. Als die riesige Shurpanakha, eine unpassend in Rama verliebte Dämonin, sie bedrohte, hinterließ Ramas Schwert eine tiefe Schnittwunde in ihrem Gesicht. Das Geschrei ihrer Schwester Shurpanakha hörten die anderen Riesendämonen, und die Meute rüstete sich zur Rache. Doch Dushan, das dreiköpfige Monster Trishiras und Myriaden von anderen Dämonen fanden den Tod durch Ramas Kraft und Stärke.

Als der gefürchtete Krieger Ravana vom Untergang seiner Giganten-Armee erfuhr, da versicherte sich dieser König, bei dessem Namen allein Erde, Hölle und Himmel vor Furcht erzitterten, der Hilfe des fürchterlichen Maricha für einen zornvollen Racheplan. Umsonst versuchte der weise Maricha ihn von seinem Kurs abzubringen: Nicht einmal Ravana selbst könne es wagen, sich mit Rama zu messen. Doch vom Schicksal getrieben und blind vor Zorn kam Ravana zu Ramas Einsiedelei. Mit Marichas besonderer Magie wurden Rama und Lakshmana von Sita getrennt, der Geier Jatayu von Ravana geschlagen und Sita wie ein Beutetier entführt. Als Rama den erschlagenen Jatayu fand, da eilte er, die Hütte und Umgebung nach Sita zu durchsuchen, doch nirgends fand er sie. Da verließen den Helden die Sinne, in wilder Verzweiflung weinte und jammerte er um die Geliebte. Jatayu ward beerdigt und Rama begann, auf der Suche nach Sita umherzuirren. Dabei traf er auf ein schreckliches Monster namens Kabandha, welches er besiegte und verbrannte. Doch aus den Flammen stieg Kabandha in wunderbarer Gestalt wieder empor und schickte Rama zu einer weisen und heiligen Einsiedlerin, die ihm in seiner Verzweiflung helfen würde. Auf den Rat der engelsgleichen Dame hin, zog Rama fort, bis er an die lieblichen Wasser der Pampa kam. Dort gewann er die treue Freundschaft von Hanuman, dem Sohn des Windgottes. Von ihm beraten vertraute er sich dem König der Vanars an, dem großen Sugriva, und besiegelte mit ihm ein Bündnis vor der heiligen Flamme. Und auch Sugriva erzählte dem Rama seine Geschichte und von Bali, der ihm so viel Leid angetan und gegen den er nun schon so lange Haß im Herzen hegte. Rama hörte zu, nahm Anteil und versprach, Sugrivas Angst zu beschwichtigen. Sugriva warnte Rama und erzählte ihm von der großen Stärke seines Feindes, der noch keinen Ebenbürtigen im Kampfe gefunden hatte. Um seine Geschichte zu beglaubigen, zeigte er Rama einen riesigen Unhold, den Bali erschlagen hatte. Der am Boden liegende Leichnam, groß wie ein Berg, schien in Ramas Augen ein Nichts zu sein. Er stupste ihn ein wenig an, und der Körper flog sogleich zwanzig Yojanas weit. Um seine Stärke weiterhin zu beweisen, schoß unser Held einen Pfeil durch sieben hintereinander in Linie stehende Palmen hindurch, ohne den Pfeil auch nur zu beschädigen. Er spaltete einen mächtigen Berg und schleuderte seine Pfeile bis in den Schlund der Hölle. Dies gab dem großen Sugriva Hoffnung und mit Siegesgewißheit machten sich die neuen Freunde Seite an Seite auf den Weg nach Kishkinda, wo sich Bali aufhielt. Durch seinen schrecklichen Kriegsruf aufgeschreckt, erhob sich König Bali wutentbrannt. Erst beruhigte er sein zitterndes Weib, dann suchte er Sugriva im Streit. Nur ein Pfeil von Ramas tödlichem Bogen reichte aus, den Monarchen in den Staub zu schicken. Dann bat Rama den Sugriva anstelle des geschlagenen Bali zu regieren, welcher in alle Himmelsrichtungen schnelle Boten aussandte, um Nachricht von Ramas Gemahlin zu bringen.

Durch Sampatis Ratschlag gelenkt sprang Hanuman, über alle Gefahr spottend, zweihundert Yojanas weit über den tiefen Ozean in einem einzigen, wilden Satz. In die Stadt Lanka lenkte er seine Schritte, wo Ravana seinen königlichen Hofstaat hielt. Dort fand er unter den Zweigen eines Asoka Baumes die trübsinnig klagende Sita. Er übergab dem glücklosen Mädchen einen Ring von Rama, als Zeichen von ihrem Herrn und König. Und auch er empfing von ihrer zarten Hand ein Pfand. Anschließend zerstörte er den Eingang des Gartens, tötete fünf Heerführer, sieben Söhne von Ravanas Ministern und den jugendlichen Aksha, um sich im weiteren Kampfe gefangennehmen zu lassen. Bald waren seine Glieder wieder aus der Feinde Ketten befreit, doch Hanuman ehrte den hohen Beschluß, den Brahma vor langer Zeit getätigt, und ertrug geduldig alle Beleidigungen für eine Weile. Die Stadt niederbrennend entkam er den Feinden, sprach noch einmal mit Sita und entfloh schnell zu Rama, dem er die Botschaft überbrachte. Als Rama alles erfahren hatte, machte er sich mit Sugriva an der Spitze eines großen Vanar- Heeres auf den Weg zum Ozean. Am Meeresufer angekommen schickte er Pfeile in die See, so hell wie die Sonnenstrahlen im Hochsommer. Daraufhin erschien gehorsam und dem Ruf folgend der göttliche Ozean. Von Nala ward eine Brücke über die See gebaut, die von Ufer zu Ufer reichte. Sie überquerend erreichten sie Lanka, die goldene Stadt, wo Rama mit eigener Hand den Ravana erschlug. Sein Bruder Vibishan übernahm anschließend die Regentschaft über das weite Land. Doch als Sita endlich ihren Ehemann wieder sah, empfing sie Rama, brennend vor Zorn und Scham, mit bitteren Worten vor der versammelten Menge. Und Sita, voll ehrenhafter Entrüstung, übergab ihren schönen Körper dem Feuer. Sofort erschien der Gott des Windes und sprach mit himmlischer Stimme von Sitas Ehre und Unschuld. Da umarmte Rama sein Weib erneut, die unbeschadet vom Feuer und bar jeglicher Verunreinigung war, und gehorchte folgsam sowohl dem Gott des Feuers als auch dem hohen Auftrag seines Vaters. Vom Herrn, der den Himmel regiert, angeführt, kamen alle Götter und Heiligen, um Rama zu ehren und seine Taten zu preisen. Und Rama triumphierte: Er hatte seine Aufgabe erfüllt und mit Zustimmung der Götter seinen Feind besiegt. Durch himmlische Gunst wurden alle in der Schlacht gefallenen Kämpfer wieder belebt, und Rama flog in Ravanas magischem Kampfwagen durch die Wolken heim nach Nandigrama. Dort traf er die treuen Brüder, löste die Haarzöpfe des Asketen auf, ging nach Ayodhya zurück und regierte das Königreich seines Vaters.

Weder Krankheiten oder Hungersnöte lasteten auf seinem Volk. Alle lebten gesegnet in den Freuden von beträchtlichem Wohlstand in süßer Zufriedenheit und vollkommener Gesundheit. Keine Witwe mußte um ihren geliebten Gatten weinen und kein Vater um den vorzeitigen Tod eines Sohnes. Niemand fürchtete sich vor Stürmen oder Diebeshand, noch verwüsteten Feuer oder Flut das Land. Das Goldene Zeitalter war erneut angebrochen, um die Tage von Ramas Regentschaft zu segnen.

Mögen ihm viele, viele prinzliche Nachkommen gegeben sein. Möge er elftausend Jahre von allen geliebt regieren. Und wenn seine Zeit auf Erden abläuft, möge er in das Reich von Brahma eingehen.

Wer auch immer diese edle Dichtung über Ramas Taten liest, welche so gut wie die heiligen Schriften ist, wird von allen Sünden und Fehlern befreit. Wer auch immer dies rettende Seil ergreift, wird mit all seinen Nachkommen den Himmel gewinnen. Die Brahmanen, die dieses Gedicht lesen, werden das höchste Lob für Beredsamkeit erwerben. Der Krieger wird das Land beherrschen, der Händler Glück im Handel haben, und selbst der Diener (Sudra) wird im Zuhören immer Heilsames von dieser Geschichte erfahren."



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